Online spielen, zeitlich und räumlich unbegrenzt. Was sind die Folgen? Unser Therapeut Dipl.-Psych. Mathias Kellner gibt Antworten.

Online-Glück

In letzter Zeit dürften einem beim allabendlichen Fernsehen aufgrund ihrer schieren Präsenz und Häufigkeit immer wieder Werbebeiträge ins Auge gefallen sein, die besonders Online-Glücksspiel zum Thema haben. Werbung ist ja nichts Ungewöhnliches, doch bei dieser Art Spots bleibt wohl der stets gleichlautende Schlusssatz im Gedächtnis, der betont, dass dieses Angebot nur für Einwohner eines bestimmten Bundeslandes gilt.

Werbung für Online-Glücksspiel ist momentan so verbreitet, dass sich die Drogenbeauftragte der Bundesregierung um ein Verbot (1) bemüht. Die Anbieter machen nun mit dem genannten Standardsatz auf die Lücke im Glücksspieländerungsstaatsvertrag (2) von 2012 aufmerksam. Bevor dieser von allen 16 Bundesländern unterschrieben worden war, hatte Schleswig-Holstein 23 Lizenzen (3) für Online-Casinos vergeben gehabt, so dass jetzt dort, aber eben nur dort, Online-Glücksspiel von deutschen Anbietern in Deutschland legal ist. Alle anderen Deutschen, die am Online-Glücksspiel teilnehmen wollen, können das im Rest Deutschlands nur illegal tun. Ob nun bei den Anbietern aus Schleswig-Holstein oder den aktuell über 4.000 Online-Glücksspielseiten (4) im Internet, von denen fast 1.000 Zahlungen in Euro akzeptieren (Stand 11.10.2020).

In der therapeutischen Arbeit in der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald zeichnet sich in letzter Zeit ein Trend ab, dass pathologische Spieler immer öfter in Online-Casinos ihr Geld investieren, dort vom Spiel abhängig werden und letztendlich massiv verlieren. Dabei wird in der Regel nicht am heimischen PC oder Laptop gezockt, sondern das Smartphone genutzt. Das Angebot ist somit leicht und ortsunabhängig verfügbar, frühere Begrenzungen wie Netzlücken und mangelndes Datenvolumen sind zunehmend keine Themen mehr. Hinzu kommt, dass durch die ortsungebundene Nutzung eines solch kleinen Geräts, das scheinbar jeder immer und überall nutzt, das Spielen leicht vor anderen zu verbergen ist. Geld einzubezahlen ist ebenfalls kein Problem. In der Regel bieten die Anbieter ein Dutzend oder mehr Möglichkeiten, Geld ins System zu bringen, wovon die Banküberweisung wohl die komplizierteste ist. Verlockend für Unentschlossene ist das häufige Angebot der Anbieter, den ersten einbezahlten Betrag mit einem Bonus aufzustocken. Hier wird der Eindruck erweckt, man verspiele ja nicht das eigene Geld. Ebenso besonders gefährlich erscheinen die unbegrenzte Verfügbarkeit über 24 Stunden am Tag an sieben Tagen die Woche, die schiere Masse an Spielangeboten, die schnelle Spielabfolge, die Anonymität und weitere Lockangebote. Eine weitere entscheidende Veränderung stellt die veränderte Wahrnehmung der tatsächlichen Kosten des Spielens dar. Da die Transaktionen in der Regel elektronisch getätigt werden können, verschwimmt bei vielen Spielern die Vorstellung über die tatsächlich verspielten Beträge. Das böse Erwachen kommt oft erst dann, wenn am Ende des Geldes noch so viel Monat“ übrig ist, sprich: Wenn das Gehalt nach wenigen Tagen verspielt ist.

Des weiteren fällt eine Zunahme der Nutzung von Sportwettangeboten auf. Der Markt ist auch hier weitgehend unreguliert (5); lediglich wenige Anbieter über den staatlichen Lotto-Toto-Block bieten legale Wetten an. Aber meist findet man sich bei mehreren Anbietern wieder, denn auch hier wird die Kundschaft durch scheinbar Außergewöhnliches bei der Stange gehalten. Und so zählt neben den Wettquoten, den Aussagen der Rehabilitandinnen und Rehabilitanden in der Fachklinik folgend, vor allem die Möglichkeit „Live-Wetten“ in kurzer Abfolge platzieren zu können zu den Angeboten mit dem größten Anreizcharakter. Meist werden diese im Verlauf einer Abhängigkeitsentwicklung immer verstärkter gespielt, um den Reiz zu erhöhen. Bei der Alkoholabhängigkeit spräche man in diesem Fall von einer Toleranzentwicklung, weil der Körper aufgrund von Gewöhnung mehr Stoff benötigt, um die gleiche Wirkung zu spüren. Ist man erst einmal bei einem oder mehreren Anbietern registriert, kann man sich vor Werbung im eigenen E-Mail-Postfach kaum mehr retten, was es schwierig macht, zu widerstehen und abstinent zu bleiben.

In den Folgen unterscheiden sich Online-Spieler nicht von klassischen Spielotheken-Zockern. Es werden Schulden angehäuft, Raten und Mieten nicht bezahlt und Freunde und Verwandte angepumpt. In der Regel bemerken nahe Angehörige und Freunde zuerst, dass „etwas nicht stimmt“, der Betroffene selbst muss oft erst seinen persönlichen Tiefpunkt erreichen, damit eine Motivation zur Veränderung entsteht.

Mittlerweile ist auch wissenschaftlich geklärt, dass es sich beim pathologischen Spielen um eine stoffungebundene Abhängigkeitserkrankung handelt, was im amerikanischen Sprachraum in der neuesten Ausgabe des diagnostischen Manuals DSM-V (6) bereits eingearbeitet wurde. Die neueste Ausgabe des im europäischen Raum gebräuchlichen und wohl im Januar 2022 erscheinenden ICD-11 (7) wird diese Klassifikation übernehmen.

Der subjektiv bemerkte Trend der Zunahme an Online-Glücksspielern in der Johannesbad Fachklinik Furth im Wald könnte verschiedene Ursachen haben. Zunächst könnte es sich schlicht und einfach um Zufall handeln. Die Abwanderung ins Internetglücksspiel könnte eine Folge der Einführung der neuesten Automatengeneration im November 2019 (8) in den terrestrischen Spielotheken sein, die nach Aussage von Rehabilitandinnen und Rehabilitanden unattraktiver im Bespielen geworden wären. Wahrscheinlich hat aber wohl auch der Lockdown aufgrund der Corona-Pandemie dazu beigetragen, dass Menschen insgesamt mehr Zeit im Internet verbracht haben. Die Werbung für diese Angebote ist, wie erwähnt, beinahe allgegenwärtig.

In der Fachklinik werden die Regelungen zum Gebrauch von Smartphones von Rehabilitandinnen und Rehabilitanden in der Behandlung von pathologischem Glücksspiel aus den genannten Gründen überprüft werden müssen, um Distanz zu schaffen, aber auch einen lebensnahen Umgang mit dem Gerät und seinen Möglichkeiten zu schaffen. Diese Neuerungen könnten von medienpädagogischen Angeboten bis hin zu technischen Schutzmaßnahmen reichen. Eine kontroverse Diskussion scheint nötiger denn je.

Nun soll im Juli 2021 ein neuer Glücksspielstaatsvertrag (9) in Kraft treten. In diesem soll Online-Glückspiel in ganz Deutschland künftig erlaubt sein. Aus Therapeutensicht kann vermutet werden, dass sich dies auf die Fallzahlen an Menschen, die an Glücksspielsucht erkranken, wohl eher negativ auswirken wird.

Dipl.-Psych. Mathias Kellner, Psychologischer Psychotherapeut

 

(1) www.aerzteblatt.de/nachrichten/112241/Drogenbeauftragte-will-Eindaemmung-von-Werbung-fuer-Online-Gluecksspiel
(2) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Gl%C3%BCcksspielstaatsvertrag 
(3) Kurzbericht IFT München, Landesstelle Glücksspielsucht, https://www.lsgbayern.de/fileadmin/user_upload/lsg/IFT_Materialien/2019-01-21_Online_Gl%C3%BCcksspielangebot.pdf
(4) https://online.casinocity.com/
(5) Siehe auch: Kurzbericht IFT München, Landesstelle Glücksspielsucht
(6) American Psychiatric Association, https://www.psychiatry.org
(7) Weltgesundheitsorganisation www.who.int, www.dimdi.de
(8) Siehe auf www.lsgbayern.de
(9) www.aerzteblatt.de/nachrichten/112241/Drogenbeauftragte-will-Eindaemmung-von-Werbung-fuer-Online-Gluecksspiel